Mittwoch, 5. Dezember 2012

Heute ein Gastbeitrag von Koelschgirls Mutsch*: Sinn oder Unsinn?

Seit etwa 3 Jahren bin ich jetzt (wieder) arbeitslos. Wenn man in meinem Alter (58 Jahre) Bewerbungen schreibt, tun sich die potentiellen Arbeitgeber etwas schwer damit, diese nicht sofort auszusortieren und sich den Bewerber zumindest einmal persönlich anzusehen, ehe sie ihn in die Schubladen „nicht mehr belastbar“, „eventuell schon etwas gebrechlich“, „festgefahren“, „nicht mehr lernfähig“, „kriegt HartzIV - will also gar nicht arbeiten, sitzt lieber daheim, raucht, säuft und ist doof“ u. ä. steckt. Leider ist es ja nun mal so, dass sich viele Menschen (und nicht nur die Arbeitgeber) ihr Bild von Langzeitarbeitslosen überwiegend aus den entsprechenden Beiträgen der diversen Medien holen. Dass das nicht immer der Realität entspricht, dürfte jedem klar sein, der in dieser Lage ist bzw. schon einmal war oder im Verwandten- oder Bekanntenkreis entsprechende Leute kennt. Jedenfalls sollte man meinen, dass die Fallbearbeiter, die täglich mit uns zu tun haben, es eigentlich besser wissen müssten, besonders wenn sie im Resort 50+ tätig sind. Sie kennen uns ja persönlich, haben unsere Lebensläufe vorliegen und sollten aus den diversen Gesprächen mit uns auch wissen, warum es bisher mit einer Einstellung nicht geklappt hat.

Nun gibt es Maßnahmen, die durchaus sinnvoll sind, z.B. ein Bewerbungstraining für Leute, die sich seit Jahren nirgendwo mehr bewerben mussten, oder Kurse zur Auffrischung von Kenntnissen, oder Word-Kurse speziell für Bewerbungsunterlagen, oder…

Ob die dabei eingesetzten Dozenten immer in der Lage sind, den Leuten etwas beizubringen, das sie bis dato noch nicht wussten oder konnten, steht auf einem anderen Blatt und soll hier auch gar nicht weiter ausgeführt werden. Aber dass es auch Maßnahmen gibt, deren Sinn nur äußerst schwer zu erschließen ist (wenn überhaupt), dafür ist folgende Anekdote ein schönes Beispiel.

Vor ein paar Tagen flatterte mir mal wieder eine Einladung zu einer Maßnahme ins Haus. Diesmal waren dafür nur zwei Tage angesetzt. Nun freue ich mich eigentlich immer, wenn ich an so einem Kurs teilnehmen kann, schon alleine deshalb, weil man mal aus seinen vier Wänden kommt und neue Leute trifft. Und manchmal kann man sogar etwas dabei lernen, was bei mir allerdings eher selten der Fall ist. Was der Inhalt dieser Maßnahme sein sollte, wurde nicht näher ausgeführt. Deshalb war ich recht neugierig, was mich da wohl erwarten würde.

Nun wohne ich recht ländlich, besitze keinen fahrbaren Untersatz, und die Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr sind nicht gerade berauschend. Manchmal braucht man, um zu einer Nachbargemeinde zu kommen, mehr als doppelt so lange, wie zur nächsten (sehr viel weiter entfernten) Großstadt. Als Veranstaltungsort war diesmal genau so eine Gemeinde festgelegt. Busverbindung mit einmal Umstieg. Auf der Internet-Fahrplanauskunft sah das aber gar nicht so schlecht aus. Die Wartezeit bis zum Anschlussbus sollte 9 Minuten betragen. Das reicht in der Regel, um selbst bei Verspätungen den Anschluss noch zu erreichen. Dass ich dann bei Ankunft noch 30 Minuten bis zum Beginn der Veranstaltung draußen warten müsste… bei momentan herrschender Witterung zwar nicht angenehm, aber besser als zu spät und deshalb okay. Es ist Anfang Dezember, kalt, der erste (sehr nasse) Schnee fällt und bleibt teilweise sogar liegen. Die Bushaltestelle ist quasi vor meiner Haustüre, nicht mal 100 m weit. Trotzdem ging ich ca. 5 Minuten eher aus dem Haus, da es durchaus vorkommt, dass ein Bus auch mal etwas früher kommt. Diesmal nicht! Diesmal kam er 9 Minuten später, obwohl es von der End-/Abfahrthaltestelle nur zwei Stationen sind. Beim Ausstieg sah ich gerade noch die Rücklichter des Anschlussbusses. Der nächste fuhr erst in 59 Minuten. Bis er kam, waren meine Füße trotz Stiefel Eisklötze und die Kälte längst unter die Klamotten gekrochen.

Mit ca. einer halben Stunde Verspätung trudelte ich ein. Im Schulungsraum saßen noch 9 andere Leute, unsere Fallbearbeiterin und eine ihrer Kolleginnen zur Unterstützung. Da auch unsere Fallbearbeiterin sich etwas verspätet hatte und die Technik Schwierigkeiten machte, hatte ich trotz meiner Verspätung noch nicht wirklich etwas versäumt.

Die Powerpoint-Präsentation, die wir uns dann anschauen durften, war recht schlicht. Zahlen und Statistiken ohne Graphik. Ums Pendeln ging es. Dass wir auch als über 50jährige bereit sein sollten, bis zu einer Stunde Fahrzeit pro Strecke in Kauf zu nehmen, um in Arbeit zu kommen. Okay, zu meiner letzten Arbeitsstelle hatte ich zwei Stunden Fahrzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, an Samstagen sogar bis zu vier Stunden. Ich arbeitete damals über eine Zeitarbeitsfirma bei einem Bonner Unternehmen. Allerdings war das für mich nur deshalb okay, weil man mir eine spätere Festeinstellung zugesichert hatte, zumal der Stundenlohn der Zeitarbeitsfirma mit 5,40 € eher ein Witz war. Und dies alles meiner Fallbearbeiterin durchaus geläufig. Hab ich mir dafür in der Kälte eine Stunde lang die Füße in den Bauch gestanden? Aber dann sollten wir aktiv werden…

Nach dem Vortrag wurden wir in 4 Gruppen aufgeteilt und bekamen die Aufgabe, in 4 verschiedenen Jobcentern einen bestimmten Mitarbeiter aufzusuchen, einen Umschlag (öffnen streng verboten!) abzuholen und bei unserer Fallbearbeiterin im Schulungsraum abzuliefern. Die Wege konnten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden, aber auch das Auto war erlaubt, falls eins zur Verfügung stand. Auf alle Fälle sollte die Gruppe (egal ob Auto oder nicht) jedoch vorher im Web die Verbindungen im öffentlichen Verkehr recherchieren. Dass von 10 Teilnehmern 7 ein Auto und 4 davon sogar ein Navi besitzen, hätte eigentlich bekannt sein müssen. Allerdings entschieden sich 3 Gruppen spontan, ihre Aufgabe mit Zug und Bahn zu erledigen, einfach weil sie das ganz spannend fanden.

Nur zwei Leute taten sich etwas schwer, die Verbindungen im Internet zu recherchieren, obwohl zwei Links vorgegeben wurden. Mittags um 12 Uhr ging es los. Bis 15 Uhr sollten alle wieder zurück sein. KEINE der Gruppen traf den Mitarbeiter des Jobcenters, der den Umschlag übergeben sollte, direkt in seinem Büro an, obwohl unser Aufbruch vorher telefonisch angekündigt wurde. Teilweise mussten die Gruppen bis zu 45 Minuten warten, bis sie endlich den Umschlag in der Hand hielten und sich auf den Rückweg machen konnten. Bei meiner Gruppe war es „nur“ eine halbe Stunde, die wir auf dem Gang vor dem entsprechenden Büro warten mussten.

Zurück im Schulungsraum eröffnete man uns, dass sich in den Umschlägen zerschnittene Flyer eins Museums in Köln, das Kultur und Kunst außereuropäischer Völker zeigt befänden (Anm.: Name vom Koelschgirl entfernt), die wir eigentlich wieder hätten zusammen kleben sollen, um unser Ziel des nächsten Tages zu erfahren. Man sah aber davon ab, da eine Gruppe statt des Originalumschlags mit einem Ersatzumschlag zurückkam. Das Original war nämlich in der Zwischenzeit dort unter die Räder gekommen (Sarkasmus an: passiert ja eigentlich nie mit Unterlagen beim Amt. Sarkasmus aus).

Also am Tag 2 eine Führung durch das Museum… Was Völkerkunde mit Arbeitslosigkeit zu tun hat??? Gute Frage… und die erhaltene Antwort darauf hat uns alle etwas verblüfft. Aber der Reihe nach…

ALLE (auch die Autofahrer) kamen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil Parkplätze in Köln sehr teuer und in dieser Jahreszeit noch spärlicher sind als sonst… wegen der diversen Weihnachtsmärkte und dem ganzen Weihnachtsrummel überhaupt.

Diesmal war mein Bus 4 Minuten zu früh. Langsam wird der Blick auf Busrücklichter zur Gewohnheit. Aber dafür musste ich dann auf den nächsten „nur“ 32 Minuten warten, denn der kam dafür um 8 Minuten zu spät und schaffte es bis zum Ziel bis 20 Minuten Verspätung draufzupacken, sodass auch ich zwangsläufig mal wieder 10 Minuten zu spät dran war.

Die Führung war für die Vielfalt der Exponate und der dazu zur Verfügung gestellten Informationen zu kurz aber interessant, so interessant, dass die meisten von uns beschlossen, einmal privat wiederzukommen, auch wenn die Eintrittspreise (7 € das Einzelticket 4,50 € p. P. in einer Gruppe) für Langzeitarbeitslose doch recht hoch sind, zumal wenn man das Fahrgeld (9,20 € hin und zurück aus unserer Region) noch draufrechnen muss. Aber so etwas macht man ja nicht jeden Monat. Außerdem ist so eine Eintrittskarte ja auch ein nettes Geschenk zu Weihnachten oder zum Geburtstag. Ach ja… Motto des zweiten Tages war „Vorurteile“. Was Vorurteile mit Arbeitslosigkeit zu tun haben? Nun, jeder Betroffene weiß das, und kann darüber lange Vorträge halten oder strophenreiche Lieder singen.

Hier wurde es jedoch auf Zeitarbeitsfirmen bezogen, gegen die wohl die meisten der Teilnehmer ihre Vorbehalte haben. Das wurde jedenfalls bei der Abschlussbesprechung ziemlich klar. Unsere Fallbearbeiterin ist so um die Anfang/Mitte 30 und kann überhaupt nicht verstehen, dass wir über 50jährigen, die wir alle schon recht üble Erfahrungen mit Dienstleistern gemacht haben, einfach nicht mehr die Nerven dazu haben, immer und immer wieder von entsprechenden Herrschaften über den Tisch gezogen zu werden. Die meisten von uns sind zwar körperlich wie auch geistig recht fit, flexibel und neuem gegenüber auch recht aufgeschlossen, aber nicht bereit, uns oft schon nach 3 Monaten Arbeit erneut arbeitslos zu melden, mit der ganzen Bürokratie und Lauferei, die damit verbunden ist. Unsere Haltung hat nichts mit „Vorurteilen“ zu tun, sondern resultiert aus den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Irgendwo hört wohl die Bereitschaft auf, eine Arbeit um JEDEN Preis anzunehmen, wenn uns daraus nur Nachteile und keinerlei Vorteile erwachsen, zumal wir es oft genug erlebt haben, dass uns ein Personaldienstleister zu einem Entgelt einstellt, dass wir akzeptieren MÜSSEN, wenn wir nicht sanktioniert werden wollen und uns dann einen Monat später vertraglich auf ein Taschengeld zu drücken versucht, das pro Monat UNTER dem ALG 2-Satz liegt.

Fazit: diese ganze Maßnahme war mehr als unsinnig, jedenfalls für die Leute, die diesmal daran teilgenommen haben. Sinnvoll wäre es gewesen, so etwas für Neulinge bei 50+ zu veranstalten. Grundsätzlich halten wir solche Aktionen ja nicht für falsch, wenn es darum geht, die Klientel besser einschätzen zu können. Wir sind durchaus der Meinung, dass die Fallbearbeiter sich dadurch ein Bild machen könnten, wie fit die Leute am Computer, wie aufgeschlossen sie neuen Erfahrungen gegenüber und wie bereit sie sind, auch längere Wegezeiten in Kauf zu nehmen. Das Puzzle im Umschlag (und darüber waren wir uns alle einig) ist jedoch Kindergartenniveau und kann man sich bei Menschen unseres Alters gerne schenken. Da gibt es nettere und angemessenere Knobeleien, die zu den Themen passen, etwas über den geistigen Horizont aussagen und trotzdem Spaß machen.

Wir waren die ersten, mit denen man so etwas versucht hat, und ich hoffe, dass wir die eine oder andere Anregung geben konnten. Ich wollte anregen, das Exposé für solche Events auszuarbeiten. Selbstverständlich für ein angemessenes Entgelt, mindestens aber für gute Referenzen. Aber irgendwie muss ich das Echo darauf wohl überhört haben. Den Museumsbesuch inkl. Kaffee und Kuchen bzw. belegtem Brötchen haben wir als „Belohnung“ für uns Versuchskaninchen betrachtet. Na ja, wenn schon kein Bargeld bzw. eine Referenz, dann wenigstens das… 



*Falls jemandem das Wort "Mutsch" nicht geläufig ist, das heißt "Mutter". ;)


Kommentare:

  1. Jaja, das Jobcenter wieder mit seinen Ideen... Aber das "Experiment" sollten sie eher mal bei den jungen Arbeitslosen einführen... zumindest in den Großstädten. Wenn ich da so an einige denke, wären die da sehr aufgeschmissen gewesen.

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  2. Wieder mal ein Beispiel dafür, dass die Jobcenter nicht wirklich wissen, was sie tun.. mein 19jähriger Sohn ist auch grad in einer Maßnahme, eigentlich mit dem Ziel, ihn in eine Ausbildung zu entlassen, stattdessen basteln sie da Kerzenständer und Schuhanzieher. Über den Kerzenständer hab ich mich zwar sehr gefreut (sieht auch wirklich toll aus!), lieber wäre mir aber ein Ausbildungsplatz für den Junior....

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  3. Man darf immer nicht vergessen, wer in einer Maßnahme ist, ist auf dem Papier / der Statistik nicht arbeitslos.
    Irgendwo her müssen ja die zur Zeit niedrigen AL Zahlen kommen. Da ist jede Maßnahme recht.

    Und es ist traurig ... da wird das Rentenalter auf 67 hoch gesetzt aber jemanden 50+ (eher schon 40+) einstellen mag niemand.

    Trotzdem viel Erfolg der Mutsch ...

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    1. Wenn man über 55 ist, taucht man sowieso nirgendwo in einer Arbeitssuchenden-Statistik auf.

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  4. Tja, sowas läuft dann unter "Menschen in Bewegung bringen".

    Mit dem Flyerpuzzle war das noch ein Glücksgriff, es gab mal eine Maßnahme, da durften die Leute Papierschiffchen basteln und es gab keinen Kaffee & Kuchen.

    Ganz ehrlich, ich würde mal liebend gerne der "Supermutti-Beimer-der-Nation" mit Namen UDL mal ein paar Takte beibiegen, was Sinn und Unsinn gewisser Maßnahmen anbelangt.

    Außerdem hätte ich gerne eine Antwort von ihr, wo denn die Arbeitsplätze der vielbeschworenen "silver generation" sind und was man Chefs von Leasingfirmen sagen sollte, die von einem Produktionshelfer "aber bitte unter 35 Jahre alt" erwarten.

    Grüße an die Mutsch von Sol

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  5. mhm auch du findest einen job bin mir ganz sicher

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Redet mit aber benehmt euch - auch "zwischen den Zeilen!" ;) Wer das partout nicht kann, wird ggf. des Reiches verwiesen. Grundsätzlich sind hier alle Besucher willkommen - aber: Mein Reich, meine Regeln. Da kommt es auch schon mal (wenn auch sehr selten) vor, dass ich jemandem das Aufenthaltsrecht entziehe. Man kann das hier mit (m)einem virtuellen Wohnzimmer vergleichen, in dem ich das Hausrecht habe.

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