Sonntag, 4. November 2012

Loslassen (lang)

Ich kann Schatz noch nicht loslassen, aber das ist einfach ein Status quo und an sich nichts worüber ich mir sonderlich Gedanken mache. Dass das seine Zeit braucht, ist wohl normal. Was mich aber beschäftigt, ist eine Situation, die kurz vor Schatzens Tod passierte und die mich nicht loslässt. Am Donnerstag, den 17. Mai, genau eine Woche bevor er starb und der letzte Tag, an dem es ihm so ging, dass alle meinten, es ging  nun endlich aufwärts, wünschte er sich von mir für den nächsten Tag Kartoffelsalat und Käsewürstchen. 

Ich hab es nicht geschafft, ihm das Gewünschte am nächsten Tag mitzubringen. Ich war zwar am Abend des 17. einkaufen, hab aber weder guten fertigen Kartoffelsalat, noch alle Zutaten gefunden, um einen selber zu machen. Da ich sehr müde war, vertagte ich das auf den nächsten Tag, an dem ich dann in einen Supermarkt wollte, von dem ich wusste, dass ich dort alles Nötige bekommen würde. 

Schatz war sehr enttäuscht, als ich ihn Freitag ohne Kartoffelsalat und Würstchen besuchte, er hatte sich tierisch drauf gefreut. Ich versprach ihm, dass es am nächsten Tag 100% meinen Selbstgemachten, den er doch so mochte, gäbe. An diesem Tag ging es ihm auch wieder deutlich schlechter, er war sehr müde und unkonzentriert, ist während ich seine Hand hielt - darauf bestand er ("reich mir dein Händchen") - eingeschlafen.

Wie versprochen hatte ich am nächsten Tag den selbstgemachten Kartoffelsalat und die Würstchen dabei, doch Schatz war kaum ansprechbar, an etwas essen war absolut nicht zu denken. Das war der letzte Tag, an dem er noch irgendwie halbwegs "da" war. Wenige Tage darauf starb er.

Und ich kriege diesen Kartoffelsalat nicht aus dem Kopf, es tut mir so leid, dass ich ihm seinen letzten Wunsch, denn so sehe ich das, auch wenn niemand hätte wissen können, dass es so kam wie es kam, nicht erfüllt habe. Ich wünsche mir so sehr, dass ich ihm das noch gegeben hätte. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn so enttäuscht habe. Es ist albern und absurd. Als hätte es irgendetwas geändert. Außer, dass ich an diesem Tag vielleicht noch einmal sein Lächeln gesehen hätte, das er immer hatte, wenn ich etwas gekocht hatte, auf das er sich gefreut hat. Dieses erwartungsvolle Grinsen, kurz bevor der erste Bissen im Mund landete und der zufriedene Gesichtsausdruck, wenn seine Erwartung auf etwas Leckeres erfüllt wurde. Eine allerletzte positive Erinnerung an Schatz und nicht dieser enttäuschte Gesichtsausdruck. Dabei gab es an dem Tag ein seeliges Lächeln von ihm als er meine Hand hielt. Das ist doch eine positive Erinnerung.

Es konnte doch niemand ahnen, dass er keine Gelegenheit mehr haben würde, den Kartoffelsalat zu essen. Und doch nagt es an mir, verursacht Schuldgefühle. Rational weiß ich, dass das totaler Unsinn ist. Aber der Kartoffelsalat macht mir mehr zu schaffen, als zum Beispiel die Frage, ob es anders gekommen wäre, wenn ich ihn früher zum Arzt gedrängt hätte, ob es anders gekommen wäre, wenn ich versucht hätte, ihn früher von der Toilette zu holen, auf der er zusammengebrochen ist. Ob er vielleicht überhaupt nur zusammengebrochen ist, weil er auf der Toilette eingeschlafen ist und sich so sehr erschrak, als ich an die Tür klopfte und sie öffnete, dass das sein Herz mit der entzündeten Herzklappe den Schreck nicht verkraftete. Ich weiß nicht mal, ob er wirklich einfach nur eingeschlafen oder nicht doch eher schon halb bewusstlos war. 

Warum verursacht grad der Kartoffelsalat so extreme Schuldgefühle bei mir? Eine Antwort gibt es darauf wohl nicht, außer, dass der Mensch eben doch auch ein irrationales Wesen ist.

Ich weine im Moment wieder viel und besonders nachts liege ich da und schreie innerlich, Schatz, komm zurück zu mir. Oder ich bin so wütend, dass er mich allein gelassen hat. Manchmal will ich ihm folgen. Denn obwohl auf der einen Seite grad unglaublich viel in meinem Leben passiert, sich einige positive Veränderungen, neue Chancen, besonders beruflich ergeben haben, fühle ich mich auf der anderen so unglaublich leer. Ich fühle mich hier auf diesem Planeten, in diesem Leben fremd, als wäre es nicht meines. Ich habe nachgedacht, ob der Spruch, es ist mit Schatz auch ein Stück von mir gestorben stimmt. Aber das trifft es nicht. Ein Teil von mir steckt grad irgendwie in einer Dimension zwischen dem Hier und dem Drüben. Mit nichts verbunden. In einer Leere. Die Leere in mir.

Kommentare:

  1. Ähem... *Tränen aus den Augen wisch*
    Ich weiß eigentlich gar nicht wirklich, was ich sagen soll, würde dir aber so gerne ein paar Worte dazu "schenken", doch eigentlich sind alle Worte die man findet irgendwie eine leere Hülle...

    Nur so viel, diese Schuldgefühle sind glaube ich, leider, etwas völlig normales.
    Nicht rational, eigentlich hat man nichts schlimmes getan und doch...
    Ich werde mir nie verzeihen, dass ich meine Tante nicht mehr im Krankenhaus gesehen habe, bevor sie starb. Am Tag ihres Todes wollten wir sie besuchen und das ganze verschob sich zeitlich, weil mein Vater noch schnell Pommes essen wollte und während er weg war, kam die Nachricht... Und ich denke bis heute, wenn ich eben mit dem Bus schon mal vor gefahren wäre, oder am Tage vorher (trotz das ich wusste, dass sie so erschöpft war, für so viel Besuch), oder ich meinem Vater gesagt hätte er solle auf die scheiß-Pommes verzichten...
    Eigentlich, rational gesehen, ist es Quatsch ein schlechtes Gewissen zu haben, aber es ist da.
    Ich glaube jeder der einen geliebten Menschen verliert, hat irgendetwas von dem er denkt, er hätte es tun müssen, oder anders machen müssen in den letzten Tagen vor dem Abschied.
    Hmm, helfen tut dir das aber jetzt auch nicht :-(

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    1. Dass Schuldgefühle normal sind, dass weiß ich im Grunde auch. Es will nur nicht so recht in meinen Kopf, warum ich grad dieser Situation soviel Bedeutung beimesse, wenn es anderes gibt, was, hätten ich oder auch mein Schatz früher oder anders gehandelt, vielleicht seinen Tod verhindert hätten. Aber wie ich ja schon schrieb, darauf gibt es wohl keine (befriedigende) Antwort.

      Danke für deinen Kommentar.

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  2. Vielleicht hilft es Dir ja ein wenig, Deine Lieben, die noch da sind mit Kartoffelsalat zu beglücken? Mach doch einfach mal einen, wenn Deine Freundin, oder Deine Mutti zu Besuch ist?

    Einen Versuch wärs doch wert. *drück*

    Ich hab jetzt übrigens Tränen in den Augen und Lust auf Kartoffelsalat mit Würtchen *schäm*

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    1. Das hab ich schon durch. Brachte nichts.

      Die Lust auf Kartoffelsalat und Würstchen hat mir das auch nicht verdorben. ;)

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  3. *schnüff*

    ich kann deine gedanken gut nachvollziehen, mir würde es sicher genauso gehen. fühl dich gedrückt.

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  4. Ich habe die gleichen Gefühle, was den Tod meiner Oma angeht. Auch bei ihr habe ich etwas versäumt, da sich nie wieder nachholen kann. Auch sie ist gegangen, ohne das ich mein Versprechen einhalten konnte.

    Fühl dich gedrückt.
    Ich weiß, wie du dich fühlst.

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