Freitag, 22. Januar 2010

Der goldene Käfig

Gestern habe ich ein paar recht nette Mails mit jemandem, nennen wir ihn mal Ernie, bei Freenet gewechselt, dessen Nick umschrieb, dass er ein Mensch sei, der gerne genießt. Grad bei Freenet stecken hinter solchen Nicks recht häufig Männer, die damit eigentlich ausdrücken wollen, dass sie – entschuldigt bitte meine rüde Ausdrucksweise - gerne poppen (würden). Aber man soll ja keine voreiligen Schlüsse ziehen. ;) Wir haben also ein paar Mails gewechselt und ich hab auch ein bisschen was über mich und meinen Schatz erzählt, was wir beide beruflich machen etc. Irgendwann stellte Ernie die Frage, warum ich denn bei Freenet sei. Ich antwortete ihm sinngemäß, dass ich gerne schreiben würde und mir die Art der Kommunikation über das Medium Internet Spaß machen würde. Und wenn dann daraus noch Freundschaften entstehen würden, wäre das umso schöner. Folgende Nachricht bekam ich gestern abend zurück:
„....hmmm, wie du das schreibst klingt das ja alles wunderbar. Tollen Mann, du selbst gutaussehend, keine finanz.Probleme...

da denke ich immer an die Balkenwaage - wo liegt das Minus...??
Was bewegt dich wirklich mit anderen zu kommunizieren...bist du wirklich glücklich oder ist das aussenherum ein goldener Käfig....du weißt was ich meine.

Vielleicht antwortest du mir.“
Da fehlten mir auch im Geiste erst mal die Worte und ich dachte nur „HÄ?“ Was mich wirklich bewegt, mit anderen zu kommunizieren? Goldener Käfig? Ich wüsste, was er meint? Ob ich wirklich glücklich sei?

Nein, ich weiß nicht, was er meint. Wie zur Hölle kommt der bitte auf „goldenen Käfig“? Was ich geschrieben hatte war, dass mein Mann Softwareentwickler mit einer eigenen Firma ist, was ja auch den Tatsachen entspricht, auch von meinem Job hatte ich erzählt. Ich hatte Ernie, da er es wissen wollte, auch kurz beschrieben, was für ein Typ ich sei - 174cm groß, lange rotbraune Haare, dunkelbraune Augen, Brillenträgerin und Jeanstyp. Keine Ahnung, was er da plötzlich für ein Bild vor Augen hatte, von wegen „gutaussehend“. Nicht, dass ich mich für hässlich halten würde, aber der Typ hatte nicht mal ein Foto von mir. Irgendwie scheint die Fantasie mit ihm durchgegangen zu sein, anders kann ich mir seine ganze Mail nicht erklären.

Ich fantasiere jetzt auch mal ein wenig: Möglicherweise gehört Ernie zu den Menschen, die nicht glauben können, dass es Beziehungen gibt, die ausgeglichen sind, dass es Menschen gibt, die glücklich sind. Ich will gar nicht behaupten, dass bei meinem Schatz und mir immer alles im Gleichgewicht ist. Aber ein „Minus“, im Sinne von "wo ist der Haken?", wo ist "das dicke fette Aber?" gibt es nicht. Wenn die Waage mal aus dem Gleichgewicht ist, dann stellen wir auf die eine oder andere Weise das Gleichgewicht wieder her. WIR, nicht irgendetwas außerhalb der Beziehung. Wenn ich sage, dass ich in meiner Beziehung glücklich bin, dann heißt das nicht, dass ich täglich mit einem Dauergrinsen im Gesicht herumlaufe, es bedeutet nicht mal, dass es keinerlei negative Dinge gibt. Es bedeutet nicht, dass immer eitel Sonnenschein herrscht. Aber es bedeutet, dass ich meinen Schatz liebe und, dass ich mich geliebt fühle, es bedeutet, dass ich mich in unserer Beziehung wohl fühle, dass wir bereit und in der Lage und sind, gemeinsam etwas gegen eventuelle negative Dinge zu tun. Ich hatte das Glück, diesem Mann zu begegnen; glücklich sein und glücklich bleiben ist etwas ganz anderes. Glück in einer Beziehung ist kein Glücksspiel, bei dem der Zufall entscheidet. Glück in einer Beziehung hängt davon ab, was beide tun oder lassen. Für dieses Glück ist nicht das Schicksal verantwortlich, sondern man selbst.

Zurück zur Mail:
„Was bewegt dich wirklich mit anderen zu kommunizieren...bist du wirklich glücklich oder ist das aussenherum ein goldener Käfig....du weißt was ich meine.“

Warum fällt es einigen so schwer nachzuvollziehen, dass man das Medium Internet nur deshalb nutzt, weil es Spaß macht? Warum wird so oft davon ausgegangen, dass das Teilnehmen an einer Community, der (virtuelle) Kontakt zu anderen, eine Art Ersatzbefriedigung ist? Für mich ist es das nicht, es ist eine (!) Möglichkeit Kontakte zu knüpfen, aus denen im Idealfall Freundschaften werden. Es ist eine Form der Unterhaltung, einmal im Sinne von Kommunikation und einmal im Sinne von Entertainment. Mails oder Blogbeiträge zu schreiben macht mir wesentlich mehr Spaß, als vor der Glotze zu hängen und mich berieseln zu lassen. Warum nehmen so viele an, dass Kommunikation im Netz oft Ersatz für, ich nenne es mal direkte Kommunikation im „echten Leben“ ist? Ich bin nicht im Internet, weil mein Schatz und ich uns nichts mehr zu sagen hätten. Uns ist der Gesprächsstoff bisher noch nicht ausgegangen und ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch noch lange so bleiben wird. Ich habe schon immer gern geschrieben, früher war es „altmodisch“ mit Kuli oder Füller und meistens nur für mich selbst, Tagebuch, Gedichte, Kurzgeschichten, heute passiert das über Tastatur und mit und für andere. Ich teile und habe Teil. Ich tue das nicht, um eine eventuelle Leere zu füllen, was Ernie wohl vermutet, wie ich jetzt einfach mal dreist in den Raum stelle. Es ist eine Freizeitbeschäftigung, eine, nicht die einzige.

Zum „goldenen Käfig“: Also da interessiert mich wirklich, wie Ernie zu dieser Assoziation kam. Ich habe da so meine Vermutung. Er hält mich ja für eine gut aussehende Frau mit reichem oder zumindest überdurchschnittlich gut verdienendem Mann an der Seite. So lässt sich jedenfalls „Tollen Mann, du selbst gutaussehend, keine finanz.Probleme...“ interpretieren. Vielleicht interpretiere ich da auch zu viel hinein, aber egal, spinne ich den Faden einfach mal weiter. Nur nochmal am Rande, er weiß nicht, wie ich aussehe. Und über unsere finanzielle Situation kann er nichts wissen. Ob die Firma meines Schatzes gut läuft oder nicht, ob meine Selbstständigkeit gut läuft oder nicht, darauf bin ich mit keinem Wort eingegangen. Das geht einen Fremden ehrlich gesagt auch einen feuchten Kehricht an. Was denkt der von mir? Dass ich mir durch mein Aussehen einen reichen oder zumindest gut verdienenden (Geschäfts-)Mann geangelt habe, dessen Vorzeigevögelchen ich nun bin? Wenn es mir damals vor 5 Jahren, als ich Schatz kennenlernte, darum gegangen wäre, einen reichen Knacker zu finden, dann wäre ich heute ganz sicher nicht mit ihm zusammen, denn er hätte nicht meinem Beuteschema entsprochen. Und umgekehrt: Wäre er ein reicher oder gut verdienender Geschäftsmann auf der Suche nach einer Frau, die was her macht an seiner Seite gewesen, dann hätte ich seinem Beuteschema nicht entsprochen. Ich eigne mich nicht als „Armschmuck“.

Warum beschäftigt mich Ernies Mail eigentlich so sehr, dass ich dazu einen Blogeintrag verfasse? Ich könnte mir vorstellen, dass er jetzt sagen würde, dass es mich nicht so beschäftigen würde, wenn da nichts dran sei. Denn ich bin mir ebenfalls recht sicher, dass egal was ich schreibe, ihn nichts von seiner Meinung abbringen kann. Hat er Recht? Nein, hat er nicht. Ich schreibe diesen Blogeintrag, weil das, was mir da gestern passiert ist, etwas ist, was mir immer wieder im Netz passiert und ich dachte, dass es sich als Thema gut eignet. Mich beschäftigt das nicht, weil „da was dran ist“, sondern mich beschäftigt ein ganz anderer Gedanke. Wie kommt es, dass andere aus ein paar Worten, ein paar ausgetauschten Zeilen, glauben lesen zu können, was für ein Mensch dahinter steckt? Ich gebe ja zu, dass auch ich dazu neige, mir ein gewisses Bild zu machen, aber ich bin mir bewusst, dass das nur mein Bild ist, das mit der Realität vielleicht gar nichts zu tun hat. Deshalb hüte ich mich davor, mein Gegenüber vorschnell in irgendwelche Schubladen zu stopfen. Auch das Bild, das ich hier von Ernie zeichne, muss nichts mit der Realität zu tun haben. Aber ich betrachte das hier auch nicht als Analyse, sondern als eine Art Gedankenspiel.

Mein Ex hat mal zu mir gemeint, man nimmt von anderen oft an, was man sich selber zutraut bzw. was man selber ist. Es ging dabei um das Thema Treue. Er war ein sehr eifersüchtiger Mensch, der es, sagen wir mal, mit der Treue recht oft nicht so genau genommen hat. Ihm fiel es unglaublich schwer, zu glauben, dass andere Menschen treu sein können. Vielleicht ist es mit Ernie ähnlich, vielleicht ist er es, der im goldenen Käfig sitzt, vielleicht ist er es, dessen Lebenswaage aus dem Gleichgewicht ist, vielleicht ist er es, der in der virtuellen Welt etwas sucht, was er in der Realität vermisst. Und mit diesen Worten beende ich mein Gedankenspiel.

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