Dienstag, 25. November 2008

Tucholsky und der Börsencrash oder Moderne Legenden und wie schnell sie sich verbreiten

Na, habt ihr auch schon Kurt Tucholskys Gedicht über den Börsencrash gelesen, in dem er schon im Jahre 1930 geradzu prophetisch das aktuelle wirtschaftliche Weltgeschehen beschreibt? Ich habe dieses Werk heute schon zum dritten Male per Rundmail bekommen. Unglaublich, wird da geschrieben, er habe das vorhergesehen. Hallo? Leute! Sagt euch der Begriff "Schwarzer Donnerstag" vielleicht etwas? Nein? Nun, das war ein Börsencrash - im Jahre 1929. Dieser Crash wird allgemein als Auslöser der Weltwirtschaftskrise gesehen. Das ist an vielen Schulen auch Stoff im Geschichtsuntericht, in meinem war er's jedenfalls. Die Vermutung läge also irgendwie nahe, dass Tucholsky die damalige Weltwirtschaftskrise in einem Gedicht thematisiert hat. Erstaunlich oder unglaublich wäre das nicht. Oder besser es wäre nicht wirklich erstaunlich, wenn er es getan hätte, denn das Gedicht ist nicht mal von ihm, sondern vermutlich von einem Herren namens Richard G. Kerschhofer, der das Gedicht unter einem Pseudonym auf seiner Webseite veröffentlich hat. Mehr dazu >hier<.


Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen - echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft's hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muß eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und - das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

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