Mittwoch, 23. Juli 2008

Die Rechnung

Eines Abends, als die Mutter gerade das Abendessen kochte, kam der elfjährige Sohn in die Küche, mit einem Zettel in der Hand. Er überreichte den Zettel mit einem seltsamen, amtlich anmutenden Gesichtsausdruck seiner Mutter, die sich daraufhin die Hände in der Schürze abwischte, den Zettel entgegennahm, und zu lesen begann:

Für das Jäten des Blumenbeetes: 2 Euro
Für das Aufräumen meines Zimmers: 8 Euro
Weil ich Milch holen gegangen bin: 1 Euro
Weil ich drei Nachmittage auf meine kleine
Schwester aufgepasst habe: 12 Euro
Weil ich zwei Einser bekommen habe: 8 Euro
Weil ich jeden Tag den Müll raus bringen: 3 Euro
Insgesamt: 34 Euro.

Die Mutter blickte sanft ihren Sohn an. Es kamen ihr unzählige Erinnerungen ins Gedächtnis. Dann nahm sie einen Stift, und begann auf einen anderen Zettel zu schreiben:

Für neun Monate lang unter meinem Herzen tragen: 0 Euro
Für alle durchwachten Nächte, die ich an deinem Krankenbett verbracht habe: 0 Euro
Für das viele Im-Arm-halten und Trösten: 0 Euro
Für das Auftrocknen deiner Tränen: 0 Euro
Für alles, was ich dir Tag für Tag beigebracht habe: 0 Euro
Für jedes Frühstück, Mittagessen, Brotzeit, Semmeln und alles, was ich dir zubereitet habe: 0 Euro
Für mein Leben, was ich dir jeden Tag gebe: 0 Euro
Insgesamt: 0 Euro

Als sie fertig war, gab die Mutter mit einem Lächeln den Zettel ihrem Sohn in die Hand. Das Kind las es, und zwei große Tränen liefen aus seinen Augen. Dann drückte er den Zettel an sein Herz, und schrieb im Anschluss auf seine eigene Rechnung:

BEZAHLT....

________________

Über diesen Text bin ich vor ein paar Tagen in einem Forum gestolpert. Dort sind recht schnell zwei Lager entstanden; die einen fanden den Text wunderschön und schrieben, dass sie selber Tränen in den Augen hatten, die anderen fanden in schwülstig oder Zitat: "Würg!"

P.S. Ich siedele mich übrigens irgendwo dazwischen an. Die Idee finde ich ganz nett, die Umsetzung finde ich arg kitschig. Und das Bild, was hier von "der Mutter" vermittelt wird ist mir zu altmodisch. Der Prototyp des Hausmütterchens, das war so meine erste Assoziation...


1 Kommentar:

  1. Lieblein... auch die modernen offenen Mütter machen das genau jeden Tag mit ihren Kindern. Sie machen da nur kein großes Tamtam drum. Insofern hast du Recht, wenn du den Text der Mutter altbacken findest. Sollte ja auch ne Selbstverständlichkeit sein, oder!?

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Redet mit aber benehmt euch - auch "zwischen den Zeilen!" ;) Wer das partout nicht kann, wird ggf. des Reiches verwiesen. Grundsätzlich sind hier alle Besucher willkommen - aber: Mein Reich, meine Regeln. Da kommt es auch schon mal (wenn auch sehr selten) vor, dass ich jemandem das Aufenthaltsrecht entziehe. Man kann das hier mit (m)einem virtuellen Wohnzimmer vergleichen, in dem ich das Hausrecht habe.

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